Trockendock
 Home Nach oben Kontakt Chatraum

 

Home
Nach oben
Gruppen
Standorte
Besuchsdienst
MPU
Veranstaltungen
Interne Seite
Kooperation
Vorstand
Linksammlung
Impressum

Besucherzähler

 

20 Wochen im Trockendock !

Ich war nicht mehr in der Lage ohne Alkohol auszukommen

und musste jetzt die bittere Wahrheit erkennen die ich Jahrelang verharmlost und verleugnet hatte!

Es war schleichend gekommen. Mit 16-17 Jahren auf Partys in Discotheken und auf Dorffesten wurde schon viel getrunken.

hauptsächlich Bier aber auch manchmal harte Sachen!

Wenn ich mich in die Gruppe integrieren wollte musste ich mittrinken sonst hätte ich als Außenseiter allein dagestanden.

Es war ja auch schön! Ich hatte Freunde, es wurde viel gelacht, ich war jemand und mit Alkohol lief alles besser!

Mit dem Autoführerschein wurde es nicht weniger weil ich einfacher zu Partys und zu Discos kam.

Mit 22 Jahren heiratete ich. Das erste Kind war unterwegs und ich musste an meine Familie denken.

Es folgten etwa 15 Jahre in denen der Alkohol eine untergeordnete Rolle spielte. In dieser Zeit ist mir sogar das Verfallsdatum einer Kiste Bier im Keller abgelaufen!

Das wäre in den letzten 10 Jahren sicher nicht passiert, eher wäre die Hölle eingefroren!

Es waren schwere Zeiten. trotz Überstunden hatten wir kaum genug Geld um über die Runden zu kommen.

Dann kam das 2 Kind und es wurde noch enger. Aber das schweißte uns nur noch mehr zusammen! Trotz alledem waren das die schönsten Jahre weil die Kinder klein waren und wir viel Spaß mit ihnen hatten.

Die Kinder waren vielleicht 11 und 8 Jahre alt als ich in die Feuerwehr eintrat.

Mein Trinkverhalten änderte sich. Sonntags war im

Feuerwehrhaus, welches mit einer Theke ausgestattet war,

Frühschoppen. Freitags Dienstabend und unter der Woche traf man sich auch öfter zu „Besprechungen“! Ich habe keinen Tag erlebt an dem nicht getrunken wurde!                              

 

                                                         

Und wieder war es das gleiche Muster, wer nicht mittrank war außen vor und bekam kein Insiderwissen mit! Die wichtigen Informationen hatten die höheren Ränge, somit die älteren Wehrmitglieder. Und die tranken!

Heute weiß ich das es an mir lag, ich hätte nur nicht mittrinken  müssen! Aber die Verführung war groß!

Ich kann mich nur an 2 Kameraden erinnern die nur ein oder zwei Bier am Abend tranken!

Ich will damit nicht die Feuerwehr schlecht machen aber es ist wohl kein Geheimnis das in vielen Vereinen nicht in`s Glas gespuckt wird!

 

Etwa ein Jahr später trank ich ca. alle drei Tage 6-8 Flaschen Bier. Auch das hielt ich noch nicht für bedenklich weil alle oder fast alle die ich kannte ja mindestens die gleiche Menge tranken. Wenn meine Frau und ich zum Kartenspielen zu Freunden fuhren wurde getrunken. Wenn ich Freunden beim bauen half und wenn wir Besuch hatten! Der Alkohol war allgegenwärtig! Ich kann mich noch erinnern einmal ein Wasser verlangt zu haben. Ich bekam die Gegenfrage: Willst Du Dich waschen? Im laufe der Jahre wurde der Alkohol zur Gewohnheit! Auch weil ich gemerkt hatte das meine Rückenschmerzen nachließen wenn ich trank. Also belohnte ich mich nach Feierabend mit ein paar Flaschen Bier! Nach einiger Zeit trank ich jeden Tag, weil ich ab ca. 18:00 Uhr unruhig wurde. Dann erhöhte sich täglich die Menge. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich das ich vom Alkohol abhängig war, wollte es mir aber nicht wirklich eingestehen! Ich glaubte immer noch ich könnte es selbst schaffen, die Flasche stehen zu lassen! Morgens nahm ich mir fest vor, abends nichts zu trinken! Aber abends waren die Flaschen wieder meine. Die Unruhe, die Entzugserscheinungen waren zu stark. Zum Schluss trank ich wieder täglich10-12 Flaschen Bier und eine halbe bis eine ganze Flasche Weinbrand.

Den ganzen Tag drehten sich meine Gedanken um Alkohol.

Um die Beschaffung, um die Verstecke und um die Entsorgung der leeren Flaschen. Es sollte ja keiner merken das ich trank.

Nur unter Alkohol war ich zu klaren Gedanken fähig,

glaubte ich. Natürlich war das ein Irrtum.

Das bemerkte ich nur nicht!

Zuletzt war ich soweit und wollte mir das Leben nehmen, damit alles ein Ende hatte. Mein Hausarzt erkannte Gott sei dank die Situation und überwies mich in eine psychosomatische Klinik. In dieser Klinik machte ich meinen ersten Entzug in Verbindung mit einer Psychotherapie da ich auch Depressionen und Selbstmordgedanken hatte!

Nach 6 Wochen kam ich nach Hause und war felsenfest davon überzeugt über dem Alkohol zu stehen!

Er konnte mir nichts mehr anhaben! (Dachte ich)

Einige Tage später ging ich mit meiner Frau griechisch Essen.

Zur Begrüßung gab es den obligatorischen Uzo.

Ich war mir so sicher das mir der eine Schnaps nichts anhaben konnte das ich ihn ohne nachzudenken trank. Es passierte nichts und ich fühlte mich gut. Also trank ich auch den Gratisschnaps nach dem Essen! Als am nächsten Tag nichts passierte, ich mich nicht schlecht fühlte und keinerlei Entzugserscheinungen hatte, war ich sicher ich könnte wieder normal trinken wie früher!

Am nächsten Tag holte ich mir eine Kiste Bier und dachte über die ganzen Verlierer nach die zu Willensschwach waren um mit Alkohol umzugehen!

Nach 14 Tagen dämmerte es mir das ich zu ihnen gehörte!

Ich trank schon wieder fast genauso oft und viel wie vorher!

Ich ging wieder ins Krankenhaus zur Entgiftung.

Im Bett nebenan lag Volker. Er war ca. 1,70 m groß, dick, schwarzhaarig, etwa 45 Jahre alt und war noch voll wie ein Eimer und schlief. Er hatte es gar nicht registriert das er Abführmittel bekommen hatte. Er wachte auf als er in seinem Bauch ein Rumoren bemerkte! Die Abführmittel taten ihre Wirkung. Da er am Tropf hing, stand er gekrümmt auf, nahm den Tropfständer mit und hielt sich den Bauch.

Die Toilettentür war dummerweise niedriger als der Ständer.

Also versuchte er schon gebückt im Toilettenraum stehend, den Ständer durch die Tür zu bekommen.

Bei dieser Kraftanstrengung in gebückter Haltung verlangte die Natur ihr Recht!

Das Schlitzhemd gab sein Hinterteil frei und der aufgestaute Druck entlud sich explosionsartig!

Die weißen Kacheln des Toilettenraums wurden bis in ca. 80 cm. Höhe und in einem Radius von 270 grad hübsch braun gesprenkelt!

Volker hatte lange Zeit viele Freunde unter Ärzten und Schwestern! Aber von diesem Tage an wurde bei Entgiftungen auf Abführmittel verzichtet!

Nach 6 Tagen war mein Körper entgiftet aber psychisch war ich noch abhängig!

Es dauerte etwa 4 Wochen und ich trank wieder! Obwohl ich seit ca. 1 Jahr eine Selbsthilfegruppe besuchte, konnte ich es nicht lassen! Die Freunde in der Gruppe redeten schon lange auf mich ein, eine Langzeittherapie zu machen!

Wenn ich also nicht sterben wollte, musste ich eine Langzeitentwöhnung beantragen. Da ich aufgrund des Alkoholkonsums immer noch unter Depressionen litt, war es mir egal, am liebsten wäre ich morgens nicht mehr aufgewacht!

Nach langem hin und her zwischen ich schaffe das allein und der bitteren Erkenntnis es doch nicht zu können füllte ich mit meiner Suchtberaterin, der ich an dieser Stelle von ganzem Herzen danken möchte, die Formulare für die Langzeitentwöhnung aus. Um diese antreten zu können musste zuerst eine qualifizierte Entgiftung vorgeschaltet werden.

Diese sollte 3 Wochen dauern, im Anschluss daran 16 Wochen Langzeittherapie! Da meine Entgiftung 4 Wochen dauerte, würden daraus 20 Wochen werden!

Doch es sollte anders kommen!

 

Ich begab mich also mit dem Wissen um meine Unfähigkeit mit Alkohol umzugehen am 7.07.08 in fremde und wie ich heute weiß fähige, helfende Hände in die qualifizierte Entgiftung!

Eine erst vor 2 Wochen eröffnete, neu gebaute Klinik neben einem Krankenhaus. Meine Frau brachte mich hin, ich stellte meine Koffer auf den Flur an der Rezeption. Wir unterhielten uns noch ein bisschen, dann fuhr mein Schatz von dannen.

Nach einiger Zeit kam ein junger Mann und holte mich zum Röhrchen pusten. Er stellte sich mit „Schwester David“ vor und zeigte mir dann mein Bett. Ein Zweibett  Zimmer. Mein Bettnachbar war ein junger Deutscher, Spanischer Abstammung. Er spielte Wandergitarre als ich herein kam.

Es hörte sich sehr gut an, er schien das Instrument zu beherrschen. Wir begrüßten uns kurz, er hieß Manolito.

Nachdem ich meine Koffer aus und den Schrank eingeräumt hatte, ging ich die Einrichtung erkunden. Ich bemerkte auf den Fluren einige verschlossene Türen mit Sichtfenstern aus Panzerglas und stellte fest das die Einrichtung über eine geschlossene Station verfügte!

Erleichtert bemerkte ich das ich auf der offenen Seite wohnte!

Ein etwa 60 Jahre alter Mann sah mich durch das Sichtfenster der verschlossenen Tür mit weit geöffneten Augen an. Er hielt sich immer wieder die linke Hand mit gespreizten Fingern vor sein Gesicht. Er wollte mir mitteilen das er eingesperrt war! Er war sicher 1,90 m groß, breitschultrig und gut und gerne 120 kg. schwer. Seine schwieligen groben großen Hände zeugten von harter Arbeit, wie sein Gesicht, wettergegerbt und faltig.

Am Ringfinger seiner rechten Hand hatte er den hellen Sonnenschatten eines breiten Ringes. Wahrscheinlich ein Bauarbeiter, Sägespäne und Mörtel hingen noch an seinem groben alten Hemd und an seiner Zimmermannshose.

Mit seiner rechten Hand musste er sich die Hose festhalten weil man ihm den Gürtel weggenommen hatte! Sicher wegen der Suizidgefahr. Er bedeutete mir mit Handzeichen das Fenster rechts von mir zum Innenhof auf dem er stand zu öffnen.

Ich versuchte es aber auch das Fenster zur geschlossenen Abteilung war natürlich gesichert.

 Ich sah ihn entschuldigend an und zuckte mit den Schultern. Ich sah in seinen Augen und Gesichtszügen,

Traurigkeit, Hilflosigkeit, Scham, Wut und Hoffnungslosigkeit.

Er schlurfte zusammengesunken zurück und verschwand hinter einer Tür. Ich ging vor die Tür um eine Zigarette zu rauchen. Um den großen Standaschenbecher waren einige Leute versammelt. Wir kamen schnell in`s Gespräch und ich erfuhr das nicht alle zur Alkoholentgiftung auf dieser Station waren. Auch Tabletten und Drogensüchtige waren hier! Besonders fiel mir ein junger Mann auf den ich auf etwa 18 Jahre, 1,70 m, und ca. 50 kg. schätzte. Ein Punker dessen Irokeesenkamm schlaff herunterhing weil er kein Haarspray hatte. Er hieß Sven.

Sven trug ein Stachelhalsband, ebensolche Armmanschetten und einen mit Stachelnieten besetzten Gürtel der schlaff über der rechten Pobacke hing. Seine Klamotten waren dreckig und zerrissen, man sah ihm an das er auf der Straße gelebt hatte.

Er pumpte mich um eine Zigarette an, ich gab ihm eine und sah wie sie in seiner Tasche verschwand. Willst Du die nicht rauchen, fragte ich ihn? Nein, später! Ich bin eine Zecke, ich schnorre was ich kann und teile es mir ein.

Jetzt erst sah ich seinen linken Arm, er war mit Schnittnarben

übersät. Was hast Du denn mit Deinem Arm gemacht? Fragte ich ihn entsetzt. Hast Du den in einen Hächsler gesteckt? 

Ich bin Borderliner kam die knappe Antwort. Nach einer kurzen Pause sagte er mit einem Grinsen als ob er stolz darauf wäre: Du solltest erst mal meine Oberschenkel sehen! Er zog ohne Bedenken seine Hose herunter und was ich dann sah ließ meinen Atem stocken! Er hatte sich richtige Stücke aus seinen Oberschenkeln herausgeschnitten, von den vielen Schnittnarben ganz zu schweigen! Er grinste mich immer noch an. Ich fragte warum grinst Du so, bist Du stolz darauf?

Sein grinsen verschwand und machte einem traurigen Gesicht platz als ob ich ihn wachgerüttelt hätte.

Nein sagte er! Ich verstehe es selbst nicht! Ich weiß nur das ich nur so den Druck in meinem Kopf rauslassen kann, sonst werde ich verrückt! Nachher fühle ich mich zwar elend aber der Kopf ist frei. Ich hoffe immer je schlimmer es aussieht wenn ich mich schneide das ich mich einmal selbst erschrecke und es dann sein lasse! In diesen Worten lag so viel Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Schmerz das ich keine Worte fand und ihn nur ansah. Ein Krankenwagen fuhr vor und erlöste mich aus der Situation. Er brachte den nächsten Patienten für die geschlossene Abteilung. Wieder ein junger Mann von ca. 20 Jahren der von 2 Sanitätern geführt wurde weil er zu betrunken war um selbstständig zu laufen!

Beim Abendessen waren alle Patienten zusammen. Wir waren 15 und die gleiche Anzahl noch einmal in der geschlossenen Abteilung. Die Alkoholabhängigkeit zog sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Die Wandfarbe war noch nicht trocken und alle Betten waren belegt!

Vom Punker bis zum Geschäftsmann, und vom Jugendlichen bis zur 80 Jährigen Frau!

Nach dem Abendessen mussten wir alle zu Schwester David.

Unsere Medikamente abholen. Als ich an der Reihe war, sagte ich: Danke Schwester David! Die anderen Patienten lachten, und ich beeilte mich zu sagen: Er hat sich mir so vorgestellt!

Er sagte mit einem Lächeln, ja das stimmt. Seitdem hieß er bei uns Schwester David! Aber ich glaube es war ihm doch nicht so recht, besonders nicht wenn seine vorgesetzte Schwester neben ihm stand! Aber da musste er durch, ab jetzt hieß er Schwester David!

Ich bekam nur 3 Tage Distraneurin, am letzten Tag nur noch eine Kapsel. Für alle die es nicht wissen, sei gesagt das Distraneurin ein Trockenalkohol ist, mit dem die Entzugserscheinungen bekämpft werden!

Gleich am ersten Tag wurde mir eine Tafel gezeigt von der ich meine Termine zu den Gruppenstunden ablesen sollte. Die Tafel war sicher für alles andere besser geeignet als zur Orientierung! Ein verwirrendes durcheinander von Zahlen, Buchstaben und vielen kleinen bunten Zetteln! Ich schaute ungefähr genauso auf die Tafel wie ein Schwein ins Uhrwerk guckt! Es beruhigte mich etwas das alle Patienten ihre Probleme mit dieser Tafel hatten! Sie schickte uns zu falschen Uhrzeiten in falsche Gruppen und in falsche Räume. Wir kamen später zu der Meinung das sie nur dazu da war um uns zu beschäftigen damit wir keinen Blödsinn ausheckten. Aber uns war natürlich klar das eine neu errichtete Einrichtung zwangsläufig seine Anfangsschwierigkeiten mit sich bringt!

Es gab zwei Fernseher in der offenen Abteilung die von uns zwischen 18:00 Uhr und 22:00 Uhr genutzt werden konnten.

Es sollte eine Liste angefertigt werden in der die Programme nach demokratischer Mehrheitsabstimmung eingetragen werden sollten!

Bei 15 Menschen ein hoffnungsloses Unterfangen!

Eine ca. 30 Jahre junge, schlanke etwa 1,60m kleine rothaarige  

Frau, die immer aussah als ob sie in den Tuschkasten gefallen

 war, verstand nur Fernsehen und eintragen! Sie schnappte sich die Liste und schrieb in alle Tagesspalten

zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr ihre in portugiesischer Sprache ausgestrahlte Soupsendung ein!

Das konnte sich die Mehrheit natürlich nicht gefallen lassen.

Also nahmen wir ihr die Liste weg und zerrissen sie.

Während wir in Ruhe eine neue Liste schrieben und gleich ausfüllten, zeterte sie auf portugiesisch weiter. Hätte einer von uns diese Sprache verstanden hätten wir mit Sicherheit einen Rechtsanwalt gebraucht! Der Ton und die Gesten ließen vermuten das es sich nicht um eine Einladung zum Essen handelte!

Wir blieben nur 2 Tage hart, ließen sie dann aber ihre Sendung gucken und teilten uns den anderen Fernseher!

Einige Tage später, man unterhielt sich über unsere selbsterwählte argentinische Schönheitskönigin.

Der Küchendienst wurde auch von den Patienten erledigt.

Jedes Zimmer auf dem Flur musste an einem Tag die Tische decken, abräumen und die Spülmaschine anstellen. Eine Sache von maximal 15Minuten pro Mahlzeit. Camilla hatte die letzten  Dienste verschlafen oder ihr ging es nicht gut oder sie hatte Kopfschmerzen oder irgend etwas anderes. Wir machten jedenfalls  ihre Arbeit mit und sie ruhte sich aus!

Jeden Tag gab es eine morgenrunde in der jeder über seine Probleme, sein Befinden und über Gott und die Welt reden konnte. Kurz gesagt „Kopfentrümpelung“! Inzwischen hatten sich einige von uns gegenseitig heißgeredet und stellten Camilla zur Rede. Sie wand sich wie ein Aal mit jeder Menge fadenscheiniger Ausreden bis sie endlich sagte: Nein ich räume euch nicht hinterher, sprang auf und verließ bockig wie ein kleines Kind den Raum! Wir beschlossen ihre Arbeit weiter mit zu machen und sie nicht auszugrenzen weil wir nach reiflicher Überlegung zu der Auffassung kamen das jeder hier schon genug Probleme hatte und keiner von uns noch eins brauchte, auch sie nicht!

Wir erlaubten uns nur noch einen kleinen Spaß mit ihr.

Wir kauften eine Steckdose mit Funkfernbedienung und steckten sie in die Steckdose in der Wand hinter dem Fernseher

und den Stecker vom Gerät in die Funkdose!

Um 20:20 Uhr, sie hatte es sich gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht, schalteten wir aus dem Nebenzimmer die Steckdose aus. Durch den Türspalt konnten wir sie sehen! Sie starrte minutenlang auf den schwarzen Bildschirm und erging sich in portugiesischen Flüchen!

Dann holte sie Schwester David, aber auch er bemerkte die Funksteckdose nicht oder hielt sie für eine normale Steckdose.

Nachdem sich die Aufregung gelegt und ihre Königliche Hoheit, Camilla sich in ihre Gemächer zurückgezogen hatte, ließen wir die Funkdose verschwinden und setzten uns vor den Fernseher. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, war aber sehr kurz. Camilla kam aus ihrem Zimmer, sah uns 4 vor dem laufenden Gerät sitzen, schrie „porco dio“ und verschwand! Wir haben uns köstlich amüsiert, den Spaß aber nicht wiederholt! In den nächsten Tagen fragte sie immer freundlich ob sie ihre Sendung sehen dürfte. Wahrscheinlich glaubte sie wir wären mit bösen Mächten verbündet!

Am nächsten Abend war gegen 21:00 Uhr plötzlich Aufregung unter den Pflegern und Schwestern!

Sven hatte sich mit einer Rasierklinge wieder seinen Arm zerschnitten! Das Bad auf dem Flur sah aus als ob man dort ein Schwein geschlachtet hätte! Alles voller Blut!

Sven wurde notdürftig verbunden und schnellstens zum nähen ins Krankenhaus gebracht!

Nach dem Frühstück stand ich mit Sven allein am Aschenbecher vor der Tür. Ich konnte ihm ansehen wie sehr es ihn quälte und zerriss was er sich angetan hatte! Ich brauchte ihn gar nicht fragen. Er fing von selbst an zu erzählen.

Ich konnte gestern Abend nicht anders, der innere Druck zerreißt mich dann, die Tabletten waren wohl nicht stark genug!

Warum bist Du denn nicht zur Schwester gegangen und hast mit ihr darüber gesprochen?

Hab ich doch! Aber sie konnte mir nicht mehr geben!

Ich hatte schon die volle Dröhnung

Der Arzt hat gesagt wenn ich das noch mal mache werde ich im Bett fixiert. Er musste ein weinen unterdrücken!

Nur gute Psychologen konnten ihm helfen und er selbst.

Ich war machtlos.

Ich wusste, wenn er das nicht in den Griff bekam würde er irgendwann dabei sterben! Und er wusste das auch!

Etwas später erfuhr ich von ihm das seine Eltern sich getrennt hatten als er 8 Jahre alt war und er seitdem bei seinem Vater lebte bis er mit 14 von zu Hause weggelaufen war! Sein Vater vertrat eine extreme politische Meinung und hatte ihm unter anderem auch mit Schlägen seine Meinung aufzwängen wollen! Seitdem lebte er auf der Strasse und war in die Drogen und Alkoholabhängigkeit abgedriftet.

Seine Mutter hatte er seit dem 8 Lebensjahr nicht mehr gesehen! Sie war aus Angst vor dem Vater abgetaucht!

Ich hätte vor Wut schreien können, weil ich nicht verstehen konnte wie man seine Kinder so zugrunde richten kann!

Es war Zeit für die Morgenrunde, genannt Blitzlicht.

Die Runde wurde von einem Psychologen geleitet. Ich nenne ihn mal Dr. Dimitri, ich glaube er war Bulgarischer Abstammung. Übrigens meiner Meinung nach ein sehr fähiger Arzt. Er machte sich, nachdem jeder Patient sein Befinden und oder sein Problem geäußert hatte Notizen und lockerte die teilweise gedrückte Stimmung mit kleinen Späßen auf.

Er schaffte es tatsächlich einer älteren Dame die seit 2 Tagen nur geweint hatte innerhalb einer Stunde Gesprächsdauer ein Lächeln in`s Gesicht zu zaubern!

Die Tafel schickte mich etwas später in die Gruppe   „Basiswissen Sucht“. Ich konnte es kaum glauben! Die Tafel hatte mich in die richtige Gruppe und sogar in den richtigen Raum geschickt!

Wir lernten die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen Suchtmittelgenuss, Missbrauch, Gewöhnung, Abhängigkeit, Krankheit und Co-Abhängigkeit verstehen. Nach der Aussage der Therapeutin mussten wir selbst Spezialisten für unsere Krankheit werden um ein suchtmittelfreies Leben führen zu können! Sei es eine  Alkohol, Drogen, Tabletten oder vielleicht eine Spielsucht! Wir mussten verstehen warum wir das gemacht hatten!

Ich hatte mehrmals nach dem Entzug geglaubt ich könnte wieder mit Alkohol umgehen und ihn so wie früher einsetzen!

Aber ich musste erkennen das ich dabei jedes mal auf die Nase gefallen war und es eben nicht konnte!

Würde ich jemals wieder einen Schluck Alkohol trinken war der Absturz vorprogrammiert!

Es ist sehr schwer so etwas zu verinnerlichen, für mein ganzes Leben auf ein Glas Wein oder einen Schluck Bier zu verzichten zu müssen war ein hartes Brot. Aber da musste ich durch wenn ich weiterleben wollte, denn wenn ich so weiter machte würde es wohl nicht mehr lange dauern bis ich mir irgendwann, irgendwo betrunken das Genick brach, mein Herz stehen blieb oder ich mir aus Hoffnungslosigkeit das Leben nahm!

Die Stunde war zu ende und wir gingen auf den Flur. Ich kam als erster aus dem Raum und sah aus den Augenwinkeln gerade noch wie etwas von links schnell auf mich zu kam. Ich zuckte zurück und entging nur knapp einem Rollator! Der zweite kam sofort hinterher! Bernd und Holger, zwei Leidensgenossen knieten mit einem Bein auf den Sitzbrettern der rollenden Gehhilfen und mit dem anderen Fuß gaben sie Schwung. Sie  fuhren ein Rennen. Holger gewann, er hatte alle neune als er

die mit Medikamentenpackungen beladene Schwester umkegelte, die gerade um die Ecke bog.

Das Gelächter war groß, die Schwester hatte sich nichts getan und die beiden beeilten sich unter der Schelte der Schwester die Rollatoren wieder zu den gehbehinderten Patienten zurückzubringen nachdem sie der Schwester wieder auf die Beine geholfen und die Medikamente aufgesammelt hatten.

An diesem lauen Sommerabend saßen wir vor der Tür auf der Mauer, Manolito spielte Gitarre und wir summten oder sangen mit! Später als es dunkel wurde starteten wir eine Chinesische Laterne, in die wir unsere Wünsche hineinpackten.

Sie flog sehr hoch, man konnte erkennen das sie über den Wolken flog, weil sie nur zeitweise noch zu sehen war!

An diesen Abend werde ich noch lange zurückdenken. Es war einfach schön und ich konnte für kurze Zeit alles vergessen!

Am nächsten Morgen zum Frühstück kam der Bauarbeiter, den ich am ersten Tag durch die Panzerglasscheibe gesehen hatte von der geschlossenen Abteilung auf unsere. In den offenen

Vollzug, wie wir es scherzhaft nannten. Angehörige hatten ihm inzwischen wohl saubere Kleidung gebracht, denn er sah wieder sauber und ordentlich aus! Ich erfuhr das er Werner hieß, 65 Jahre alt und Maurerpolier war. Er hätte schon immer getrunken, aber in den letzten Jahren hätte es dramatisch zugenommen! Er hatte vor 5 Tagen als er eingeliefert wurde auf der Baustelle schon einige gezwitschert, wie er sich ausdrückte und zu Hause weiter getrunken! Aus Kummer, weil seine Frau vor 1 Woche ausgezogen war! Er war an diesem Abend wütend auf das Leben und hatte betrunken seine Wohnungseinrichtung zu Kleinholz verarbeitet! Bei seiner Statur konnte ich mir das lebhaft vorstellen! Er hatte Arme die vom Durchmesser her Beine hätten sein können! Er sagte, nachdem der Fernseher durch das Fenster flog und auf dem Gehweg aufschlug hätten die Nachbarn die Polizei gerufen. Diese Wegelagerer meinte er, überall wo man sie nicht braucht, da sind sie! Aber bevor die mich abführen konnten hab ich sie erst mal mit `ner Dachlatte durchgelassen! Das glaubte ich ihm aufs Wort. Bis gestern, sagte er wollte ich mich noch tot saufen aber heute bin ich schon wieder anders drauf. Der Psychologe hat ja recht, ich kann doch noch lange für meine Kinder da sein wenn sie Hilfe brauchen!

Dr. Dimitri leitete wieder die Morgenrunde und fragte uns nach dem Blitzlicht was wir denn lieber wären, ein Huhn, eine Kuh, oder ein Hase? Ich glaube alle waren verdutzt und sagten erst mal nichts. Als der Dr. sich dann hinstellte und anfing Muh zu rufen, dann laut gackernd, mit den Armen schlagend durch den Raum sprang und Sekunden später als Hase hin und herflitzte und dabei immer rief: „ich habe keine Zeit“ wollte ich wieder nach Hause! Ich blieb aber und kam mir ziemlich blöde dabei vor als ich wenig später mit allen anderen gackernd und muhend durch den Raum lief!

Man muss sich vorstellen 30 Menschen und ein Arzt laufen Tierlaute ausstoßend durcheinander! Das kann es nur in der Ballerburg geben!

Als Dr. Dimitri sich wieder hinsetzte, legte sich das Thouwabohu schnell und alle beeilten sich auch wieder Platz zu nehmen! Er fragte uns was für ein Tier wir denn lieber gewesen wären? Zu meiner Überraschung teilte sich die Meinung ziemlich gleichmäßig auf die drei Tiere auf. Mir war die Kuh am liebsten aber andere wären lieber Hase oder Huhn gewesen. ihnen war die Kuh zu ruhig. Mit diesem Schauspiel hatte er uns klar gemacht das wir unterschiedliche Menschen waren die unterschiedlich reagierten und das Leben unterschiedlich wahrnahmen! Also auch unterschiedlich behandelt werden mussten! Mir fiel dazu Camilla ein, und ich glaubte zu verstehen das er uns zu mehr Rücksicht untereinander auffordern wollte!

Die Stunde war beendet und alle Kühe, Hasen und Hühner begaben sich in Ihre Ställe.

Ich fraß gemütlich ein Büschel Heu!

Werner hatte sich mit einem Patienten auf der geschlossenen Abteilung gestritten und warf ihm jetzt wo er „draußen“ war,

eine Banane in den Innenhof. Sie kam Postwendend zurück.

Die Mittagszeit kam und ich deckte mit Manolito den Tisch und holte das Essen in den Speiseraum. Es war wieder ein extra Teller für Sven dabei. Er war Veganer. Und wie jeden Tag und zu jeder Mahlzeit war sein Essen nicht vegan sondern vegetarisch. Mit Käse überbacken. Die Küche hat es in den 4 Wochen in denen ich da war nicht ein mal hinbekommen ein veganes Essen zu liefern! Und zu allem Überfluss wurde Sven auch noch das bisschen Salat und Obst das er ab und an bekam, fast immer von einer älteren Ungarin geklaut, die etwas verwirrt war und alles was nicht Niet und Nagelfest war grabschte und in ihren Taschen verschwinden ließ!

Nach dem Essen gab es wieder Streit um das abräumen der Tische. Camilla wollte ihren Teller nicht selbst abräumen und verschwand zeternd aus dem Speiseraum. Manchmal kam ich mir vor wie im Kindergarten!

Am nächsten Tag flogen wir in der Morgenstunde nach Rio indem wir im Raum herumliefen, Motorengeräusche nachmachten und die Arme wie Flügel von uns streckten.

Wir besuchten die ganze Welt auf diese Weise innerhalb von

15 Minuten! Und so kam ich weit herum ohne in ein Flugzeug gestiegen zu sein!

Die Tage vergingen und ich war fast 4 Wochen in der Entgiftung als ich die Mitteilung bekam, das ich am Freitag den

01.08. in der Langzeittherapie meine 16 Wochen antreten sollte! Ich war eigentlich schon wieder der Meinung ich bräuchte das nicht mehr. Doch ich wusste aus eigener Erfahrung das dem nicht so war! Also sagte ich zu!

Ich fuhr also am 01.08.2008 in die Wiehengebirgsklinik bei Bad Essen. In der Nähe von Osnabrück.

Mein Nachbar brachte mich mit dem PKW und wir mussten etwa 30 Minuten den Ort absuchen bevor wir die in einem Wäldchen versteckt liegende Klinik fanden.

Die Einrichtung verfügte über 3 große und 3 kleinere Gebäude.

Neben ein und zwei Bettzimmern für 120 Patienten gab es eine große Sporthalle, eine Physiotherapieabteilung und eine Ergotherapie. Man konnte mit Ton und Holz arbeiten, es wurde aber auch Seidenmalerei, malen mit Acrylfarben, Stoffmalerei,

Brennmalerei auf Holz und vieles mehr angeboten.

Jeder Patient bekam ein Fahrrad zugeteilt, das hieß das es 120 Fahrräder gab und somit auch eine Fahrradwerkstatt die auch von Patienten die Spaß daran hatten geführt wurde. Auch die Cafeteria und der Küchendienst wurde von Patienten erledigt. Alles im Rahmen der Ergotherapie.

Das Beschäftigungsangebot war sehr groß und ließ kaum Wünsche offen! Langeweile musste also nicht aufkommen wenn man das nicht wollte. Allerdings waren die 2 Fernseher für 120 Patienten sehr knapp. Darum habe ich in dieser Zeit sehr wenig Ferngesehen und wahrscheinlich deswegen dieses Buch geschrieben.

Nachdem ich die Anmeldung gefunden hatte, lud ich meine Koffer aus und mein Nachbar fuhr von dannen.

Da stand ich nun mit 2 Koffern, einer Tasche und jeder Menge Gedanken!

Die Aufnahme erfolgte im Schwesternzimmer. Ich wurde hereingerufen, musste einige Fragen beantworten die von einer

Schwester in einem sehr barschen Tonfall gestellt wurden.

Dann wurde auch noch ein „Foto für die Kartei“ von mir gemacht und ich musste pusten! Ich hatte den Verdacht im Gefängnis zu sein und es nur noch nicht bemerkt zu haben!

Dann ging ich mit der Schwester und einem Zivi ein Stockwerk höher zu meinem Zimmer. Ein Zweibettzimmer, der Kollege

war schon eingezogen. Mein Bett stand hinter einem schräg durch den Raum laufenden Holzbalken der mich nur an der höchsten Stelle gerade so aufrecht passieren ließ.

Die Schwester und der Zivi durchsuchten mein Gepäck nach Alkohol und fanden eine Tüte Weingummis welche die Schwester sofort konfiszierte. Als Erklärung bekam ich zu hören das Wörter wie Wein und Bier einen Rückfall auslösen könnten! Ich fand das ein wenig extrem, dann dürfte ich ja auch keinen Bierschinken mehr essen! Außer meinen geschmuggelten Weingummis fanden sie nichts. Ich war erleichtert das ich keine Einzelhaft bekam!

Mein Zimmerkollege war ein großer sehr schlanker Mann von ca. 45 Jahren. Seine langen dünnen Gliedmaßen und sein eingefallenes Gesicht erinnerten mich stark an eine Stabheuschrecke! Die Heuschrecke hieß Willi.

Ich räumte meinen Schrank ein und ging dann zur ärztlichen Untersuchung. Dann folgte ein Gespräch mit einer Therapeutin die mir mitteilte das ich ca. zwei Wochen in der sogenannten Basisgruppe blieben und dann in eine der festen Gruppen integriert würde. Die Gruppen würden nach Halbedelsteinen benannt. Jade, Kiesel, Ametist, Rubin, Saphir,

Bernstein, Smaragt. Bei jeder Gruppe lägen die Schwerpunkte der Therapie anders! Am Mittwoch wäre die Arztvorstellung und dort würde entschieden in welche Gruppe ich passen würde. Außerdem wurde mir zu verstehen gegeben das ich 14 Tage keinen Ausgang vom Gelände hätte. Sie gab mir einen Stoß Papier. Die Hausordnung und einen kleinen Pass auf dem die Therapeuten unterschreiben sollten, dann bekäme ich Ausgang!

In mir keimte wieder der Verdacht auf das ich vielleicht doch in einem Gefängnis gelandet war!

Es war mir aber klar das eine Suchtklinik feste Regeln braucht

und diese durch Jahrelange Erfahrungen sicher dem Wohl der Patienten dienten!

Ich war erst einmal entlassen und durfte mich zu meinem erstaunen ohne Fußfesseln frei auf dem Gelände bewegen!

Ich ging zur Bushaltestelle, einem von drei Raucherplätzen auf dem Gelände. Rauchverbot bestand im gesamten Außenbereich bis auf diese drei Plätze, von denen zwei überdacht waren!

Ich kam schnell in`s Gespräch mit den Leidensgenossen die mich sofort vor einer bestimmten Schwester warnten, die sie den Feldwebel nannten! Rauch bloß nicht auf dem Gelände, nur in den Raucherbereichen wenn Dich der Feldwebel erwischt gibt es eine gelbe Karte. Ich bemühte mich den Zigarettenrauch nicht aus der Bushaltestelle zu pusten da ich sonst Konsequenzen befürchtete! Auch schaute ich mich nach versteckten Kameras und Selbstschussanlagen um!

In der Cafeteria kaufte ich mir eine Tasse Kaffee für 60 Cent

Und eine Flasche Wasser für 20 Cent. Es gab auch Schokolade, Kekse, Kaugummi u.s.w. aber keinen Tabak, keine Zigaretten und natürlich keinen Alkohol, ich war ja im Trockendock.

Die Preise waren sehr human. Trotzdem blieb etwas übrig.

Der Erlös ging in die Sozialkasse, von der alle 2 Monate Ausflüge finanziert wurden. Es kam uns also wieder zu gute!

Zum Mittagessen fanden sich alle im großen Speiseraum ein, wo auch sonst? Bereits 15 Minuten vor der Zeit warteten viele Menschen darauf das die Tür geöffnet wurde und sie hereinstürmen konnten! Sie benahmen sich als wenn das Essen rationiert wäre. Ich wurde von der Menschenmenge eingesogen und im Speiseraum wieder ausgespuckt! Nachdem ich meinen Tisch und Platz gefunden hatte, machte ich mich mit meinen Tischnachbarn bekannt. Es war ein Vierertisch. Ich saß mit Gabi, Manuela und Gerd zusammen. Auf den ersten Blick alles

nette Menschen und auf den zweiten auch!

Gabi war eine etwa 35 Jahre junge schlanke Blondine von etwa 1,70m. Manuela schätzte ich auf 50 Jahre, Sie hatte schwarze kurze Haare, war etwas Pummelig und etwa 1,50m klein, also ungefähr einen Kopf größer als ein Dackel! Gerd hatte das

Gardemaß von 1,80m war schlank, ca. 50 Jahre alt und hatte eine Glatze. Ich passte mit meinen 50 Lenzen und meiner Halbglatze gut dazu.

Am Nachbartisch saß eine goldbehangene ältere Dame die etepetete in ihrem Essen herumstocherte und an allem herumnörgelte was ihr unter die Augen kam. Wir hatten Gulasch mit Salzkartoffeln und ich fand es schmackhaft.

Alle anderen übrigens auch. Wir beachteten sie nicht weiter und unterhielten uns über die Therapien. Ich erfuhr, das morgens um 8:30 Uhr die Gruppentherapie stattfand. Um 10:30

Uhr Ergotherapie und Nachmittags Indikativgruppen die aber erst nach Gesprächen mit den Therapeuten belegt wurden.

Die Indikativgruppen bestanden aus:

Schwimmen, Bewegungsbad, Rückfallverhütung, Sport, Malen Wirbelsäulengymnastik und einmal wöchentlich war ein Arztvortrag.

Mit einem mal übertönte ein spitzer Schrei die Geräuschkulisse des Speisesaals. Unsere Tischnachbarin hatte etwas in ihrem Essen gefunden, und verkündete das Lauthals damit es auch jeder hörte. Sie war so borniert das sie noch nicht einmal verlegen wurde als der Küchenchef ihr zeigte das es sich um eine Gewürznelke handelte. Sie nörgelte einfach weiter.

Im Speiseraum drehten sich alle wieder um. Anscheinend kannten sie das Spielchen schon. Ich erfuhr von meinen Tisch-

kollegen das sie diese Show fast bei jeder Mahlzeit abzog, und die Allgemeinheit der Meinung war, das dieses Verhalten in ihrer Krankheit begründet lag.

Ich war nämlich in einer Klinik die sowohl Psychische als auch Suchterkrankungen behandelte! Wobei ich später feststellte das der Schwerpunkt auf den Suchterkrankungen lag.

Von der Vielfalt der Süchte war ich überrascht. Es gab bei weitem nicht nur eine Alkohol und Drogensucht! Ich lernte Spielsüchtige, Computersüchtige, Kaufsüchtige, Tablettensüchtige, ja sogar Koffeinsüchtige kennen!

Ein Patient war sogar von Schmerzpflastern, morphiumabhängig  geworden! Ein älterer Herr der die gleichen Entzugserscheinungen hatte wie ein Drogensüchtiger.

Ich erfuhr später das die Schmerzpflaster die man frei in jeder Apotheke kaufen konnte süchtig machendes Morphium enthielten! Eigentlich kaum zu Glauben!

Auf der Terrasse neben der Cafeteria „der Raucherterrasse“

standen 15 Tische die fast alle besetzt waren. Es war schönes Wetter, 26 Grad und alle hatten gute Laune. Ich kam schnell mit anderen ins Gespräch und lernte so am ersten Tag schon viele nette Menschen kennen.

Unter anderem einen sehr freundlichen Mann von ca. 60 Jahren, groß gewachsen, weiße Haare, weißer Bart, Christlich

und von Beruf Organist. Er redete viel von Jesus und Gott und wie schön doch die Welt sei! Er hieß Gunter und war bei allen beliebt. Ein herzensguter Mensch! (Dachte ich)

Ich sollte ihn später besser kennen lernen!

Eine neue Patientin kam auf die Terrasse. Sie sah sich ein wenig scheu um. Ich konnte Ihre Unsicherheit spüren. Sie hatte schwarze schulterlange Haare, braune Augen und war ca.35 Jahre jung, 1,70m groß und schlank. Eine hübsche junge Frau.

Juri, ein stockschwuler Pole der kein Hehl aus seiner sexuellen Gesinnung machte, ging auf sie zu. Da es sehr warm war

trug er nur eine Glitzerjeans und ein Glitzerkäppi passend dazu. Sein Oberkörper war nackt. Er sprach die junge Frau an:

He Du! Wenn Du Sex haben willst dann musst Du nach oben in Raum 7 oder 6 gehen, oben unter dem Dach. Oder in der Sporthalle hinter den Matratzen, da geht´s auch gut! Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund an, drehte sich um und wollte hinter dem Auto herlaufen das sie gebracht hatte und gerade aus der Einfahrt verschwand! Juri grinste sie an und fing an zu Lachen. Sie sagte mir später mal, ich habe nur noch gedacht, wo bist du hier gelandet und wollte hinter dem Auto meiner Eltern herlaufen!

Abends sangen wir alte Volkslieder. Nicht schön aber laut.

Die Konsequenz ließ nicht lange auf sich warten! Kurze Zeit später verkündete der Lautsprecher das sich alle auf der Terrasse befindlichen Patienten zum Gruppenpusten im Schwesternzimmer einzufinden hätten! Es wurde bei keinem Alkohol im Blut festgestellt, wir waren einfach nur fröhlich!

In meiner ersten Nacht wurde ich von der Nachtschwester um 2.00 Uhr geweckt und musste pusten. Wie ich erfuhr kam das hier öfter vor!

Am nächsten Morgen musste ich zur Blutabnahme, Blutdruck messen und wiegen.

Eine sehr freundliche Schwester flötete, kommen Sie herein Herr Becker! Ich setzte mich auf einen Stuhl der neben dem Blutdruckmessgerät stand, und krempelte mir den Hemdsärmel

hoch. Doch der Ärmel ließ sich nicht über den Oberarm ziehen.

Die Schwester sah mein Problem und sagte, Moment, ging in einen Nebenraum und kam mit einer Schere zurück mit der sie mir den Ärmel aufschneiden wollte! Natürlich nicht wirklich.

Als sie meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah musste sie lachen, ich lachte mit. Sie legte die Schere weg und ich zog mein Hemd aus, dann konnte es losgehen. Das Blutdruckmessen und wiegen klappte problemlos.

Nur bei der Blutabnahme ergaben sich Schwierigkeiten!

Nachdem sie in der Armbeuge kein Blut bekommen hatte, legte sie ein Mullstück darauf und gebot sie mir mit meinem Finger fest darauf zu drücken.

Unterdessen versuchte sie auf dem Handrücken derselben Hand

Blut zu bekommen! Aber auch da kam nichts!

 

Das habe ich ja noch nie gehabt sagte sie erstaunt!

Und dann erleichtert heiter: Herr Becker, Sie stehen auf dem Schlauch! Jetzt erkannte auch ich das ich die Blutzufuhr zur Hand natürlich mit meinem Fingerdruck in der Armbeuge abdrückte! Wir mussten beide herzlich lachen. Ich steuerte  den Blutfluss durch zudrücken und auflassen bis sie ihre 3 Ampullen voll hatte. Im rausgehen meinte ich noch scherzhaft das ich über diese kuriosen Methoden beim Blutdruck messen

und Blut abnehmen morgen mit meiner Therapeutin sprechen müsse! Die Schwester lachte und sagte: Ja, das machen sie mal.

Wieder an der Bushaltestelle angekommen traf ich auf Gunter.

Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr das er 52 Jahre alt und von Beruf Organist war. Er redete viel von Gott und wie schön doch die Welt sei, war sehr hilfsbereit und konnte gut zuhören.

Wir erzählten uns unsere Lebensgeschichte und vieles mehr.

Es war gegenseitige Sympathie zu spüren Da er Verbindungen zur Kirche hatte bot er an, mir mit einem zinslosen Kirchenkredit aus meiner Misere zu helfen!

Ich glaubte der Herrgott hätte ihn geschickt! Die nächsten Tage grübelte ich über diese Lösung nach. Er wollte mir 80.000 €

zinslos bei 500. € monatlicher Abzahlung organisieren!

Allerdings müssten vor der Auszahlung 10 Monatsraten eingezahlt werden, also 5000.€.

Diese sollte ich in der Verwandtschaft zusammenkratzen!

Diese Methode kam mir sehr kriminell vor. Ich hatte den Eindruck das ich das Geld für ihn sammeln sollte! Er sprach mich fast täglich an, ob ich das Geld schon zusammen hätte. Als ich immer wieder verneinte, bot er mir 2000€ von seinem eigenen Geld an so das ich nur noch 3000€ aufbringen musste! Er sagte er hätte in der Schweiz noch Geld deponiert. Mir kam die ganze Sache immer fragwürdiger vor.

Wir, also die Basisgruppe gingen in einen Raum in dem laut Plan „Basiswissen Sucht“ stattfand. Wir bekamen jede menge Informationen. Über die statistische Häufigkeit der Alkoholsucht, der Psychischen und Physischen Krankheiten die dadurch ausgelöst wurden. So war man laut Weltgesundheitsorganisation schon ein Alkoholkranker wenn man 2 Glas Bier pro Tag trank, oder vielleicht nur einmal pro Monat aber mit Kontrollverlust. (Keine Begrenzung der Trinkmenge oder vollkippen bis unter die Haarwurzeln.) Oder zum Beispiel ein Quartalstrinker. Einmal in 3 Monaten aber dann 1 Woche lang voll wie ein Eimer. Ein Spiegeltrinker dagegen trank immer nur soviel wie er brauchte um seinen Alkoholspiegel beispielsweise bei 2 Promille zu halten, damit er sich wohl fühlte und nicht zitterte. Wobei sich der Spiegel natürlich immer weiter nach oben verschob. Irgendwann braucht man morgens schon eine Flasche Korn oder ähnliches nur um den Schlüssel in das Schloss zu bekommen!

Es gab viele verschiedene Krankheitsbilder.

Auch wurde uns gelehrt das alkoholfreies Bier keineswegs alkoholfrei sei, sondern immer noch einen Rest von Alkohol enthalte und somit das Suchtgedächtnis wieder „antriggern“

konnte. Genauso wie der Biergeschmack oder die Form der Flasche in der Hand! Diese sind nämlich extra ergonomisch geformt. Und das merkt sich unser Computer! Denn es war ja auch schön wenn ich trank. Es war ja nicht alles schlecht!

Die Therapiestunde war zu Ende. Wir verließen den Raum.

Ich wollte noch Wäsche  waschen. Ich holte also eine Waschmarke und meine Wäsche, ging in die Waschküche und

beschickte eine der 4 Maschinen mit meiner Wäsche. Soweit so gut. Ich wunderte mich noch darüber das ich die Wäsche nicht sehen konnte nachdem ich die Maschine gestartet hatte, als die Dame neben mir laut zu Lachen anfing. Dann sah ich auch was ich fabriziert hatte! Die 4 Maschinen setzten sich aus 2 Waschmaschinen und 2 Wäschetrocknern zusammen!

Ich hatte mir natürlich einen Trockner ausgesucht und meine Schmutzwäsche wurde jetzt getrocknet. Ich versuchte die Maschine abzuschalten aber das waren Idiotensichere Maschinen. Einmal aktiviert liefen sie bis zum Programm-Ende.

Nicht einmal den Stecker konnte ich ziehen. Sie war fest Installiert. Die Dame neben mir hielt sich vor Lachen den Bauch und startete ihrerseits die Waschmaschine vor der sie stand. Sie hatte die richtige Wahl getroffen, es war eine Wasch-

maschine! Leider hatte sie vergessen ihre Wäsche hinein zu geben! Jetzt musste ich Lachen und konnte zusehen wie ihr langsam aber sicher sämtliche Gesichtszüge entgleisten!

 

 

 

 

nach oben bitte!

Home ] Nach oben ]

Haben Sie Fragen oder Anregungen zu dieser Website, dann senden Sie einfach eine Email an: Webmaster@selbsthilfe-sucht.de.
Wir nehmen Ihre Anregungen gern entgegen. Vielen Dank.

Letzte Änderung:    27.03.18